Drei Fragen an: Jürgen Hill, Computerwoche – “Shared Economy wird Modell der digitalisierten Industrie-4.0-Welt”

Jürgen Hill, Computerwoche, IDG Verlag
Jürgen Hill, Computerwoche

Im Rahmen der Diskussionsrunde „Planlos in die Digitalisierung – weltweit haben nur knapp 30 Prozent aller Industrieunternehmen eine Strategie zur digitalen Transformation“ der IT2Industry Open Conference (Messe München, Halle B2) wird Jürgen Hill, Leitender Redakteur des renommierten IT-Fachmagazins Computerwoche im IDG Verlag, als Podiumsteilnehmer seine Positionen live am 16. November 2017, um 14:30 Uhr vorstellen. Im Interview mit dem IT2Industry Blog teilt er bereits vorab seine Einschätzung über den Status quo von Digitalisierung und Industrie 4.0.

IT2Industry Blog: Wie beeinflusst und verändert die Digitalisierung und Industrie 4.0 die Welt des Einzelnen Ihrer Ansicht nach?

Jürgen Hill: Ich bin überzeugt davon, dass das Leben jedes Einzelnen von uns fundamentale Veränderungen erfahren wird. Das beginnt bereits beim täglichen Einkauf, wenn uns der Supermarkt mit individuellen, auf uns zugeschnittenen Angebote begrüßen wird und wir an der Kasse ganz einfach im Vorbeigehen bezahlen. Oder wir gehen gar nicht mehr einkaufen, weil unser vernetzter Kühlschrank für uns automatisch zur Neige gehende Lebensmittel nachbestellt, die dann der autonome selbstfahrende Roboter rund um die Uhr liefert. Zudem werden wir dank Digitalisierung und Industrie 4.0 ein größeres Angebot an Produkten erleben, die speziell auf unsere individuellen Bedürfnisse zugeschnitten sind – Stichwort Losgröße Eins.

Geradezu revolutionär werden die Veränderungen in der Medizin sein. Gerade im Alter werden wir dank IoT, Digitalisierung und moderner Sensoren und Aktoren viel länger in unseren eigenen vier Wänden ohne Betreuung leben können. Die moderne Technik wird unseren Gesundheitszustand überwachen und im Problemfall den Spezialisten alarmieren oder per Video zuschalten.

Den Fortschritt bezahlen wir allerdings mit einem Verlust an Privatsphäre. Gerade die Älteren unter uns, die 1987 noch gegen die erste Volkszählung rebellierten, werden hier wohl Bauchschmerzen haben. Die Generation Facebook wird sich dagegen nur fragen, welche Gegenleistung bekomme ich für meine Daten?

IT2Industry Blog: Was sind Ihrer Meinung die größten Herausforderungen für Unternehmen bei Industrie 4.0?

Jürgen Hill: Die größte Herausforderung sehe ich im Niederreißen der Silos, wie wir es in der Vergangenheit schon bei der Transformation von IT und Telekommunikation zu einer All-IP-Welt erlebt haben. Vor einer ähnlichen Transformation stehen jetzt OT (Operation Technology) – also der shop floor – und IT. Wer der Gewinner sein wird? In meinen Augen ist das Rennen noch offen und hängt vom Mindset und dem Engagement der Mitarbeiter ab. Zudem müssen sich die Unternehmen auf eine grundlegende Veränderung ihrer Business-Modelle einstellen – die Shared Economy wird das Modell der digitalisierten Industrie-4.0-Welt sein. Damit verbinden sind nicht nur neue Umsatz- und Entlohnungsmodelle, sondern auch die Frage, welche Daten sind für mein Unternehmen strategisch so wichtig, dass ich sie nicht teile? Und welche Informationen will und muss ich meinen Partnern, Kunden, Lieferanten etc. bereitstellen, um künftig überhaupt ins Geschäft zu kommen.

IT2Industry Blog: Was bedeutet Industrie 4.0 für den Industriestandort Deutschland? Wo steht die Industrie in Sachen Digitalisierung?

Jürgen Hill: Gerade für einen Standort wie Deutschland mit seiner starken prozessgetriebenen Industrie stellt Industrie 4.0 eine riesengroße Chance dar – auch wenn wir in Sachen IT sicher noch Lücken haben. Ich finde, wir sollten diese Herausforderung offen annehmen und so weiter unsere Spitzenrolle im globalen Wettbewerb ausbauen. Auf keinen Fall sollten wir uns zu dem Fehler oder Irrtum verleiten lassen, dass wir uns auf dem Erreichten ausruhen können und Zeit haben. Denn gerade unsere asiatischen Wettbewerber arbeiten mit Programmen wie China 2025 oder Japan mit Society 5.0 hart daran, unseren Vorsprung wettzumachen. Und mit Blick auf die USA haben wir in der Digitalisierung vor allem im IT-Bereich Nachholbedarf. Das gilt auch für das B2C-Segment. Hier sind uns die USA meilenweit voraus, im Gegensatz zum B2B-Bereich. Und last, but not least wünsche ich mir von der kommenden Bundesregierung, dass sie nicht mehr nur über Digitalisierung redet, sondern endlich eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über alle Facetten und Auswirkungen lostritt – was bedeutet es für die Arbeitsplätze, für das Gesundheitswesen, für Unternehmen, was für KMUs etc?


Jürgen Hill ist Leitender Redakteur bei der COMPUTERWOCHE und verfügt über ein 25jähriges Branchen-Know-how. Er begleitet die aktuelle Entwicklung des IT- und TK-Marktes von journalistischer Seite. Der studierte Diplom-Journalist und Informatiker befasst sich derzeit mit allen Themen rund um IoT, Industrie 4.0 sowie Digitalisierung. Thematisch ist er ferner im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. Er studierte Diplom-Journalistik mit den Spezialfächern Informatik und Politik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Studienbegleitend war er in der Marktforschungs- und Presseabteilung eines großen Automobilkonzerns tätig. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei einer Autozeitschrift und volontierte an einer Tageszeitung.

Die IT2Industry findet vom 14. bis 17. November 2017 bereits zum zweiten Mal im Rahmen der Weltleitmesse productronica der Messe München statt.

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